Projektbeschreibung

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TANDEM

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Austausch von Innovation und Erfahrung im demografischen Wandel



Ausgangssituation:


Das Statistische Bundesamt prognostiziert einen Bevölkerungsrückgang von heute 82 Millionen auf knapp 69 Millionen im Jahr 2050. Im Jahr 2050 werden über 30% der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein (Eisenmenger/Pötzsch/Sommer 2006). Diese Entwicklung schlägt sich in der Arbeitswelt insbesondere durch alternde Belegschaften nieder. Diese Entwicklung wird mit Blick auf die Innovationsfähigkeit von Unternehmen kontrovers diskutiert. Als „Defizit-Hypothese“ oder „Defizit-Modell“ (Prezewowsky 2007; Winkels 2007) wird die Ansicht bezeichnet, ältere Menschen wären weniger innovativ.

Diese Einschätzung beruht auf zwei Argumenten. Einerseits wird älteren Arbeitnehmern – sofern keine Weiterbildung stattfindet – eine geringere Aufnahmefähigkeit zugeschrieben als zur Entwicklung neuer Verfahren und Produkte notwendig ist (Schneider 2008). So wird die geringere Innovationsfähigkeit mit einer geringeren Aufgeschlossenheit und Kompetenz von älteren Mitarbeitern im Umgang mit neuen Technologien in Verbindung gebracht (de Koning/Gelderblom 2006; Schleife 2006; Meyer 2008). Zudem wechseln ältere Arbeitnehmer weniger oft ihren Arbeitgeber, wodurch alternde Belegschaften folglich zunehmend geschlossene Systeme bilden. Eine solche Entwicklung ist aus Sicht der systemischen Innovationsforschung nachteilig, da die Offenheit eines Systems als eine zentrale Determinante der Innovationsfähigkeit gilt (Fagerberg 2005). Damit in Einklang steht die Beobachtung, dass die Mehrzahl der Unternehmen ein „jugendzentriertes Innovationsmodell“ verfolgen – d. h. junge Arbeitnehmer für innovative Tätigkeiten akquirieren und fördern (Fischer 2007). Beide Hypothesen werden jedoch zunehmend in Frage gestellt. Obwohl Jüngere in der Regel eine höhere Technologiekompetenz sowie aktuelleres akademischen Wissen besitzen (Pavitt 2005; Meyer 2008), profitieren ältere Arbeitnehmer von ausgeprägtem innovationsrelevantem Erfahrungswissen (Frosch 2009). Folglich steht nicht die Altersstruktur des gesamten Unternehmens, sondern die altersbezogene Heterogenität innovierender Teams im Vordergrund (Veen/Backes-Gellner 2008).

Mit „Open Innovation“ etabliert sich ein Paradigma, dessen Weg der „Demokratisierung von Innovationen“ (von Hippel, 2005) explizit in der Einbindung möglichst vieler in Innovationsprozesse besteht. Eine zunehmende Öffnung traditioneller Innovationsprozesse für Mitarbeiter, Kunden, Forschungspartner und andere Anspruchsgruppen lässt sich in vielen Unternehmen beobachten. Getragen von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien sind soziotechnische Systeme entstanden, die es quasi jedermann erlauben innovativ tätig zu werden (Ebner/Leimeister/Krcmar 2009; Bretschneider 2010; Riedl et al. 2010). Beispielsweise stehen Akteuren außerhalb von Forschungs- und Entwicklung (FuE) eines Unternehmen zahllose Online-Tools, wie z.B. Suchmaschinen, Datenbanken, Wikis, Podcasts oder Webseiten, Foren, Blogs, CAD-Programme und Toolkits zum Innovieren zur Verfügung. Laut O’Hern/Rindfleisch (2008) kann damit eine Performance erreicht werden, die mit der von FuE-Abteilungen vergleichbar ist. Dafür ist jedoch der Aufbau entsprechender individueller Fähigkeiten nötig. Aus diesem Grund nutzen bislang vor allem junge, gut ausgebildete, männliche Teilnehmer diese Möglichkeiten (Riedl et al. 2010). Dennoch zeigen andere Studien, dass ältere Mitarbeiter – unter an sie angepassten Arbeitsbedingungen – kreativer sein können als jüngere (Binnewies/Ohly/Niessen 2008). Es besteht folglich eine Gestaltungsaufgabe im Bezug auf moderne, technologiebasierte Innovationssysteme, die sich nicht allein auf die Entwicklung individueller Technologie-Kompetenzen bezieht. Um das Innovationspotenzial von Mitarbeitern, Kunden und anderen Beteiligten altersübergreifend nutzbar zu machen, ist das gesamte sozio-technische System zu betrachten.

Das Verbundprojekt TANDEM widmet sich diesem vielschichtigen Problemfeld. Es stellt Fragen der Analyse und Weiterentwicklung sozio-technischer Innovationssysteme ins Zentrum. Diesen ganzheitlichen Ansatz stützen auch Erkenntnisse aus anderen Forschungsprojekten der Antragsteller. Insbesondere Vorarbeiten in den Verbundprojekten GENIE (FKZ 01FM07027) und Open-I (FKZ 01FM07053) haben gezeigt, dass beispielsweise Kompetenzen auf organisatorischer Ebene sowie der kulturelle Kontext und die strategische Ausrichtung im Unternehmen hohe Relevanz besitzen (Neyer, Bullinger, & Moeslein, 2009).

Als empirische Erkenntnisfelder und primäre Entwicklungsumgebungen werden zwei zukunftsträchtige Branchen adressiert: deutsche Softwarefirmen und Medizintechnik-Hersteller. Beide Branchen sind sowohl technologie- als auch wissensgetrieben. Sie weisen einen hohen Dienstleistungsanteil auf und bieten in erster Linie hybride Leistungsbündel an. Sie gehören zu den mit der Hightech-Strategie 2020 adressierten Industrien, von denen sich Deutschland einen wachsenden ökonomischen Beitrag erhofft. Für das Verbundprojekt TANDEM stellt die Kombination beider Branchen darüber hinaus einen idealen Forschungskontext dar, da sie zwei zentrale Facetten der Demografie-Falle verkörpern. (A) Unternehmen aus reifen Branchen mit einer gemischten Altersstruktur, zu denen die Medizintechnik gehört, stehen vor dem oben skizzierten Problem der Einbindung älterer Mitarbeiter in zeitgemäße Innovationssysteme. An dieser Stelle sind Beiträge zur Unternehmensentwicklung zu leisten, um die globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. (B) Die Altersstruktur einer typischen Softwarefirma weist einen überproportional hohen Anteil junger Mitarbeiter auf.


Zielsetzung:


Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der damit verbundenen Notwendigkeit neuer Ansätze zur Steigerung der Innovationsfähigkeit alternder Belegschaften strebt das Forschungsvorhaben TANDEM die Entwicklung eines integrierten Community-gestützten Konzepts an, mit dessen Hilfe eine systematische Erhöhung der Innovationsfähigkeit von Unternehmen unterstützt wird. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgt das Forschungsvorhaben drei Strategien:

  1. Erhöhung der Innovationsfähigkeit einer alternden Belegschaft durch die Schaffung altersdiversifizierter Teams (TANDEMs) und innovationsfreundlicher Arbeitsgestaltung,
  2. Sicherung des Erhalts von Erfahrungswissen im Unternehmen durch die enge Zusammenarbeit zwischen jüngeren und erfahreneren Mitarbeitern,
  3. Führungs- und Gestaltungsunterstützung im Innovationsmanagement durch ein Reifegradmodell das die Öffnung der Innovationsaktivitäten mit Blick auf den demografischen Wandel abbildet.

Auf diese Weise werden Unternehmen neue Innovationspotenziale eröffnet – sie anschließend systematisch zu heben bedeutet jedoch, sich neuen organisationalen Herausforderungen in Bezug auf den Innovationsprozess und die Kompetenzentwicklung aller Mitarbeiter zu stellen. Eine stärkere Einbindung älterer Mitarbeiter in den gesamten Innovationsprozess (Generierung und Umsetzung der vielversprechendsten Ideen) und der Transfer ihres Erfahrungswissens an jüngere Mitarbeiter sind zwei zentrale Aufgaben, die Innovationssysteme derzeit nicht ausreichend adressieren. In TANDEM sollen daher geeignete Modelle für die kohortenübergreifende Innovationsentwicklung und die individuelle Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter erarbeitet und mit entsprechenden bestehenden Ansätzen und Werkzeugen kombiniert werden. Die konkreten Maßnahmen zur Erreichung des Ziels von TANDEM werden durch drei ineinander greifende Forschungsbereiche adressiert.

Durch die Integration aller Altersgruppen in die Innovationsentwicklung möchte das TANDEM-Konzept den Forschungs­gedanken der Öffnung des Innovationsmanagements erweitern und so einen international bedeutenden Mehrwert auf diesem Forschungsfeld liefern. In Bezug auf das dafür benötigte Know-how greift das Forschungsvorhaben auf die Erfahrungen aus den BMBF-Forschungsprojekten GENIE (FKZ 01FM07027) und OPEN-I (FKZ 01FM07053) zurück. Im Rahmen des Forschungsprojektes GENIE entwickelte und pilotierte der Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität München (u.a. mit dem Center for Leading Innovation & Cooperation der Handelshochschule Leipzig) virtuelle Innovationscommunities für Software-Unternehmen. Im Rahmen von vorherigen Forschungsprojekten konnte dort zudem einen Methodenansatz zum systematischen Aufbau und Betrieb für Communities entwickelt werden (Leimeister/Krcmar 2006). Im Projekt Open-I des Center for Leading Innovation and Cooperation der Handelshochschule Leipzig wurden Mitarbeiter mittels „Social Software“ und Web 2.0 Ansätzen in unternehmensinterne Innovationscommunities eingebunden (Bansemir/Neyer/Möslein 2010). Dabei wurde bereits im altersdiversifizierten Kontexten implementiert, ohne diese jedoch explizit zu erforschen und in das Innovationsmanagement zu integrieren. Diese Forschungserkenntnisse sollen für den Aufbau und Betrieb der TANDEM-Community genutzt werden und als Grundlage für die Entwicklung eines themenspezifischen Ansatzes dienen.

Das Forschungsvorhaben TANDEM liefert mit entsprechenden Modellen, Methoden, Werkzeugen einen neuartigen Innovationsmanagement-Ansatz, mit dem die Innovationsfähigkeit von Unternehmen durch die systematische Integration einer alternden Belegschaft in einen offenen Innovationsprozess gesteigert wird.